25. April – 18. Mai 2013




Laura McLardy, Flavia Spichtig

Eingeladen von
Ulrike Gerhardt, Imke Kannegießer

•Ferrari Amaryllis•



Laura McLardy und Flavia Spichtig transplantierten für ihre Installation Ferrari Amaryllis (2013) Strukturen von Gartenarchitekturen des 18. Jahrhunderts in den Ausstellungsraum. Der projizierte Satz im ersten Raum von NOTE ON dient den Künstlerinnen zufolge als »Bildunterschrift«, als sinnlich-systematischer Subtext für den Spaziergang durch die Installation:

»Man steigt hinunter über die rechte Treppe und spaziert ein wenig in der kleinen Allee, die man im Durchschreiten betrachtet, zum Saturn [1]; man umrundet ihn in halbem Bogen und geht zur Île Royale [2].«

Diese »Bildunterschrift« ihrer konzeptuellen Arbeit ist ein choreografisches Skript für die Besucher_innen, das die Imagination stimuliert und den emphatischen sprachlichen Duktus des 18. Jahrhunderts in eine neue Perspektive rückt. Mit Ferrari Amaryllis schließen McLardy und Spichtig an eine Entwicklung innerhalb der bildenden Kunst an, die dem Garten als Denk- und Handlungskonzept bzw. als »Modell eines Systems« bereits seit den 1990er-Jahren eine zentrale Rolle zuweist.[3] Parallel zum Boden des Ausstellungsraumes befindet sich eine minimalistische Konstruktion aus braunfarbigen Holzmodulen, die sich rhizomartig in den Raum ausbreitet und die geometrische Ordnung barocker Gartenkunstwerke offensiv unterläuft. Die Installation aus zwei- bis drei Meter langen Elementen, die waagerecht neben- und übereinander im Raum liegen, befindet sich in Knöchelhöhe und hat viele Kreuzungs- und Endpunkte, auf denen gläserne Kreisformen liegen. Dieser dreidimensionale, kartografische Parcours wird durch Halterungen an den Wänden, über die maschinell bestickte Tücher gefaltet sind, ergänzt. Auf jenen Stoffen übersetzen die Künstlerinnen bewegungslenkende Elemente damaliger Planarchitekturen und Tanznotationen in abstrakte Linien, Formationen und Umrisse. Diese zwei Arten der Anleitung zur Bewegung werden hier als choreografische Muster verstanden und inszeniert.

Die Fragilität der Bodeninstallation und die Position der gehangenen Tücher animieren die Besucher_innen der Ausstellung zu einer behutsamen Bewegung durch den Raum. Sie waten durch eine karge und zugleich überformte Landschaft, die auf der Basis dekonstruierter historischer Vorlagen erzeugt wurde. So ist »Ferrari Amaryllis« der botanische Name einer Zierpflanze. Die Gattung geht auf den schwedischen Pflanzenforscher Carl von Linné (1707-1778) zurück. Amaryllis ist der Name einer schönen Hirtin im Werk Vergils (70-19 v. Chr.), und das griechische Wort »amaryssein« bedeutet »funkeln, schimmern, aus den Augen Blitze schießen lassen«. Die »Ferrari Amaryllis« ist gekennzeichnet durch einen langen Stiel, an dessen Ende sich vier tiefrote, üppig sternförmige Blüten symmetrisch anordnen.

Michel Foucault theoretisierte den Garten 1967 als »einen Teppich, auf dem die ganze Welt zu symbolischer Vollkommenheit gelangt«[4]. In McLardys und Spichtigs Installation überkreuzen sich Vergangenheit und Gegenwart, sie haben ein »Display« produziert, eine transitive Oberfläche für die Kommunikation und Bewegungen der Besucher_innen.

[1] Das so genannte »Saturn-Bassin« ist einer der vier Brunnen im Garten von Versailles, die die Jahreszeiten darstellen. Saturn repräsentiert den Winter.
[2] Die »Île Royale« besteht aus dem heutigen Jardin du Roi sowie dem Bassin du Miroir und ist eine der Bosketten von Versailles.
[3] Vgl. Franzen, Brigitte: Die vierte Natur. Gärten in der zeitgenössischen Kunst. Köln 2000. S. 17-18.

[4] Foucault, Michel: Die Heterotopien. Frankfurt am Main 2005. S. 15.

Text: Ulrike Gerhardt

Laura McLardy (geb. 1984 in London/UK) ist eine in Berlin lebende Künstlerin. Sie studierte Bildende Kunst und Kunstgeschichte am Goldsmiths, University of London (BA, 2007) und war Teilnehmerin am Institut für Raumexperimente (2009-2012), einem Forschungsprojekt des Künstlers Olafur Eliasson (UdK Berlin). Sie wirkte bei verschiedenen Publikationen mit und veröffentlichte die erste Ausgabe ihrer Serie Punkte in der Linie im Jahr 2012. Ausstellungen (Auswahl): »On Off Moments«, Grimmuseum, Berlin (2013, in Vorbereitung), »Expanding the Grid«, Humboldt Galerie, Berlin (2012), »Berlin 2000-2011: Playing Amongst the Ruins«, Museum of Contemporary Art, Tokyo (2011). In 2012 nahm sie einen Forschungsaufenthalt bei »AZ Westen« in Kalifornien, USA (2012) wahr und erhielt ein Residency Stipendium an der »Akademie Schloss Solitude« (2013).

Flavia Spichtig (geb. 1985 Sarnen/CH) lebt und arbeitet in Berlin. Von 2006-2012 studierte sie Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin. Ihre Arbeiten wurden in internationalen Gruppenausstellungen und Projekten (Auswahl), darunter das Museum of Arts Luzern »Zentralschweizer Kunstszenen« (2010), »Post-Studio-Tales« bei District Kunst- und Kulturförderung, Berlin (2012) und »Aufbau Kunsthalle Bremerhaven« (2010) präsentiert. Im Jahr 2010 organisierte sie das Residency Programm »BBS (Berlin-Basel-Sarnen)«. Ihre Publikation Serie von Zehn Zeichnungen erschien vor kurzem bei TLTRPRess.

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Plan Model (2013), installation view (detail)Laura McLardy & Flavia Spichtig, Plan Model (2013), installation viewLaura McLardy & Flavia Spichtig, Plan View IV (2013), sculpturePlanansicht III, maschinell bestickter Stoff, 250 x 145cm, gefaltet auf HandtuchhalterLaura McLardy & Flavia Spichtig, Image Caption (2013)Image Caption (2015), installation view, first room, NOTE ON
Laura McLardy & Flavia Spichtig, Plan Model (2013), installation view (detail)

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Plan Model (2013), installation view (detail)

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Plan Model (2013), installation view

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Plan Model (2013), installation view

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Plan View IV (2013), sculpture

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Plan View IV (2013), sculpture

Planansicht III, maschinell bestickter Stoff, 250 x 145cm, gefaltet auf Handtuchhalter

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Plan View III (2013), sculpture

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Image Caption (2013)

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Image Caption (2013)

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Image Caption (2013), installation view

Laura McLardy & Flavia Spichtig, Image Caption (2013), installation view