29. März – 17. April, 2013




Nikolaus Gansterer, Sarah Elliott, Kevin Clancy, Beyza Boyacioglu, Jose Andres Mora, Patricia Reed

Eingeladen von
Yulia Startsev

•Keep Taking it Apart•



»Keep Taking it Apart« ist eine Ausstellung mit Kunstwerken von sechs Künstler_innen, in der die Sprache und ihre Fehler mittels des Diktierens, der Piraterie und des Dialogs untersucht werden. Diese drei Axen sind als Reaktionen auf unterschiedliche Übereinkünfte, die während Unterhaltungen, Übersetzungen und Wiederholungen entstanden – Prozesse, die anfällig für Fehler sind, die die Produktion von Bedeutung jedoch stets mitbeeinflussen. Jedenfalls ist eine genaue Untersuchung darüber, inwiefern Fehlkommunikation als ein semantisch signifikanter Aspekt von Sprache funktioniert in vielen linguistischen Theorien entweder nicht vorhanden oder diese wird wie ein Artefakt behandelt, das zu den inhärenten Grenzen der Sprache gezählt wird.

Der russische Philosoph Mikhail Bakhtin (1895-1975) entwickelte eine Theorie der Sprache, die anstelle des Wortes die Äußerung als Grundlage der Sprache verstand. In seiner Analyse der Werke des russischen Schriftstellers Fyodor Dostoyevsky (1821-1881) lagen die agierenden Signifikanten im Text nicht in den Worten der Charaktere, die gesprochen wurden, sondern in der Koexistenz und im Konflikt zwischen verschiedenen Arten des Sprechens unter den Charakteren, Erzähler_innen und dem Autor.[1] Bakhtin beschrieb dies als Heteroglossia oder Anders-Sprache und betonte, dass diese sich jenseits des Literarischen anwenden ließe und dass die Äußerung und Implikationen der Heteroglossia in simplen Alltagsgesprächen gefunden werden könnten. Dieses Model ist dem Verhalten der Pidgin- und Kreolsprachen entlehnt, in denen zwei (oder mehr) Sprachen hybridisiert wurden.[2]

Fehler und misslungene Übersetzungen werden in solchen Kontexten wie den Pidgin-Sprachen zu bedeutungsgenerierenden Aspekten statt zu Artefakten der Sprache. Die Analyse von Bedeutungen, die in einem Dialogs hergestellt wurden, in dem Fehler und Fehlübersetzungen eine wichtige Rolle gespielt haben, sieht vor, dass ein breiterer Kontext (inklusive Gestik, Tonfall und Situation) untersucht wird. Hierbei kann sich nicht nur auf die Definitionen der Worte, die einen Satz bilden, verlassen werden. Mit jeder neuen Sprachebene und (Miss-)Verständnissen, wird das, was gesagt wurde und was in der Zukunft gesagt wird im linguistischen Spiel der Gegenwart gegeneinander antreten.

Die Werke von Beyza Boyacioglu (*1985), Kevin Clancy (*1987), Jose Andres Mora (*1969), Sarah Elliott (*1986), Nikolaus Gansterer (*1974) und Patricia Reed (*1977) manipulieren und spielen mit verschiedenen linguistischen und signifizierenden Systemen, um Bedeutungen heraus zu stellen, die perpetuierend fehlverstanden und re-erfunden werden. Die Beziehung zwischen den Arbeiten lassen sich als Cartesianische Axen denken, deren Abszisse (x), Ordinate (y) und Elevation (z) als Orientierung benutzt werden können, um das Diktieren, die Piraterie und den Dialog zu kartieren. Jede Axe wird von zwei Künstler_innen besetzt, die in ihrer Beziehung zueinander ein widersprüchliches Narrativ graphisch visualisieren.

Fig. A. »Das Diktieren«

In ihrer Zwei-Kanal-Videoinstallation In a Manner of Speaking (2012), versucht Beyza Boyacioglu einer Schauspielerin die exakte Position und die Qualität von Bewegungen eines vorher aufgezeichneten Moments zu diktieren. Auf einem großen Bildschirm werden die Apfel essende Schauspielerin in Echtzeit und das Stop-Motion Reenactment in einem Zwei-Kanal-Loop gegenüber gestellt. Während die Schauspielerin in der ersten Hälfte des Dyptichon schaudert und zuckt und sich in der anderen anmutig verändert, entlarvt der zweite Monitor in der Mitte die Live-Produktion als ein Stop-Motion Video. Sie legt die Methode offen wie eine Magierin, die ein Kaninchen aus dem Hut zaubert. Ihre ruhige Stimme ist zu hören: »Nein, beweg die Zitrone ein wenig nach links… nach rechts… ein wenig höher… kannst du deinen Ellbogen etwas fallen lassen? Nein, nein… Okay, das ist perfekt.« Die Geste des Essens findet am gleichen Ort wie Beyza’s Dialog statt – dem Mund – jedoch mit entgegengesetzter Richtung. Diese Arbeit konzentriert sich auf das Scheitern der Re-Produktion und steht im Zusammenhang mit Kevin Clancys’ Babel (2011), einem hybriden Instrument, das aus einem Klavier gebaut wurde und elektronisch mit einer Schreibmaschine verbunden ist. Hier findet ebenfalls eine Umkehrung statt: Sobald Text eingetippt wird, spielt das Klavier die korrespondierenden Töne. Das fehlübersetzte Mapping der Finger, die auf einem QWERTY Keyboard und den Klaviertasten nach Wörtern suchen, erinnert an Schönbergs Zwölftonreihe gleichmäßig verteilter Töne in einer zufälligen und planlosen Reihenfolge. Die Übersetzung entsteht nicht in der semantische Bedeutung der gewählten Worte, sondern in der Verschiebung der Gesten, die durch ein anderes Medium zum Ausdruck gelangen – das Verbinden einer potenziellen Akustik des Textes mit jener der beanspruchten Saiten, die wiederum Produkte der Finger sind.

Fig. B »Die Piraterie der Zungen«

Der russische Literaturtheoretiker Mikhail Bakhtin definierte Heteroglossia als das »Sprechen eines Anderen in der Sprache eines Anderen, dazu dienend, auktoriale Absichten auf eine gebrochene Weise auszudrücken«[3]. José Andres Moras Interlocution (2012) interviewt acht Individuen, deren Sprechgewohnheiten seine eigenen beeinflusst haben. Das Video lokalisiert das Publikum in der Position des Interviewers, dessen abwesende Stimme die Interviewten dazu veranlasst, auf simple Fragen zu philosophischen oder häuslichen Themen wie der Zubereitung von Kohl zu antworten. Sie antworten mit einer Stimme, die teils sichtbar von ihrem Körper abgelöst ist, jedoch die Flexion und Intonation der originalen Sprechakte gründlich nachahmt. Die Betonung auf dem Akzent, auf der Art und Weise, wie Worte ausgesprochen werden, wird zu einer bedeutungsvollen Geste. In Sarah Elliotts Drei-Kanal-Videoinstallation Notes for a Forthcoming Detective Novel (2013) wird der Versuch der Künstlerin dargestellt, ihre Stimme mit einer Stimme Laure Prouvousts (*1978) zu ersetzen – eine Selbst-Piraterie. In der Drei-Kanal-Videoinstallation liest Elliott eine kurze Schilderung über drei undefinierte Charaktere laut vor, deren Beziehung zur Autorin/zum Autor, zur Zuhörerin/zum Zuhörer und untereinander nicht ausformuliert wird. Die drei Monitore zeigen eine schwarze Blende, die gelegentlich von einem Bild unterbrochen wird – einem wackeligen Video, in dem eine Künstlerin/ein Künstler performt oder von einem schrägen Wort, das die Funktion der Untertitel in Prouvousts Arbeit aufgreift, die das Individuelle der Stimme ergänzen. Im Zuge der Performance reicht Elliotts Rezitation vom grotesk Übertriebenen zur starken Ähnlichkeit mit Prouvousts Akzent und hin zu Elliotts amerikanischem Englisch.

Fig. C »Dialoge«

Für sein Projekt Drawing a Hypothesis – Figures of Thought (2011) versammelte Nikolaus Gansterer drei Jahre Korrespondenzen mit Schriftsteller_innen und Philosoph_innen, in denen er ihnen ambiguäre Diagramme schickte und sie bat, einen begleitenden Text zu verfassen. Die schriftlichen Antworten reichen von langen, elaborierten Texten hin zu Kurzgedichten, die zuweilen sogar direkt von den Diagrammen ergänzt wurden. Das Buch wurde zur Grundlage für eine Performance von Nikolaus Gansterer und Emma Cocker. Gemeinsam entnahmen sie Momente und Gesten aus dem Buch als Ausgangsmaterial für ihre Videoperformance mit zwei Personen, in welcher Cocker las und Gansterer zeichnete. Die Performance und das Buch sehen vor, dass sich der Blick nach jeder Seite verändert. Denn philosophische Texte lassen sich auf die gleiche Art und Weise wie Diagramme untersuchen. Ähnlich wie das Buch ist die gesamte Ausstellung mit all den Geräuschen, die aus den Kopfhörern der Werke dringen, von einer seltsamen Stille durchzogen. Diese Stille umgibt auch die skulpturale Arbeit von Patricia Reed. The Two (2013) umfasst zwei Lautsprecher in einer Umarmung, still und doch in konstanter Spannung. Der Austausch besteht hier nicht aus Worten, sondern aus der Stille und der Potentialität des Nicht-Sprechens. Dennoch: Zu sprechen wäre zu laut, wenn die Lautsprecher wirklich gebraucht würden, zögen sie schnell auseinander. Hier funktioniert der Dialog als ein Austausch der Stille, im Verzicht auf das Sprechen.


[1] Bakhtin, Mikhail. The Problematics of Dostoevsky's Poetics, Minneapolis: University of Minnesota Press  1984. Print.
[2] Bakhtin, Mikhail. The Dialogical Imagination: Four Essays. Trans. Caryl Emerson and Michael Holoquist, Austin: University of Texas Press 1981. S. 381.
[3] Bakhtin, Mikhail. The Dialogical Imagination: Four Essays Trans. Caryl Emerson and Michael Holoquist, Austin: University of Texas Press 1981. S. 324.

Nikolaus Gansterer, Drawing a Hypothesis – Figures of Thought (2011), installation viewNikolaus Gansterer, Drawing a Hypothesis – Figures of Thought (2011), installation viewSarah Elliott, Notes for a Forthcoming Detective Novel (2013), three-channel video installationPatricia Reed, The Two (2013), sculpturePatricia Reed, The Two (2013), sculpture
Nikolaus Gansterer, Drawing a Hypothesis – Figures of Thought (2011), installation view

Nikolaus Gansterer, Drawing a Hypothesis – Figures of Thought (2011), installation view

Nikolaus Gansterer, Drawing a Hypothesis – Figures of Thought (2011), installation view

Nikolaus Gansterer, Drawing a Hypothesis – Figures of Thought (2011), installation view

Sarah Elliott, Notes for a Forthcoming Detective Novel (2013), three-channel video installation

Sarah Elliott, Notes for a Forthcoming Detective Novel (2013), three-channel video installation

Patricia Reed, The Two (2013), sculpture

Patricia Reed, The Two (2013), sculpture

Patricia Reed, The Two (2013), sculpture

Patricia Reed, The Two (2013), sculpture