February 23 – March 23, 2013




Raphael Linsi, Michaela Meise, Gabriel Rossell-Santillán, Alexandre Singh

Eingeladen von
Friedemann Heckel

•Ils usaient de la parole un peu comme le chef de train de ses drapeaux, ou de sa lanterne.•



Auftakt:

In der Installation The School for Objects Criticized (2010) entwirft der in New York und Paris lebende Künstler Alexandre Singh einen Dialog, der von sieben auf jeweils einzelnen Sockeln präsentierten Gebrauchsgegenständen geführt wird. Osmin Moses, Kassettenrekorder und selbst Protagonist des komödiantischen Stückes, gibt in dieser Ausstellung als Berichterstatter die gesamte Konversation der Objekte wieder. Zwischen Osmin und Lucian Samosata, ebenfalls Kassettenrekorder, einer Flasche Bleichmittel mit dem Namen Sergei Skoffavitch, der Skulptur Penny Powder, dem Toaster Despina Hall, dem Kinderspielzeug Daphne Spring und einem ausgestopften Stinktier entbrennt eine schwindelerregende Diskussion angesichts einer Ausstellung in New York. Alexandre Singh schreibt seinen Gegenständen Dialoge auf den Leib, in denen er in Form einer Art Sittenkomödie sowohl die zeitgenössische Kunst und Kultur, als auch in einer selbstreflexiven Volte die eigene Arbeit anhand von in der Kunstwelt vorherrschender Meinungen und Klischees zur Diskussion stellt. Wesentliche Einflüsse auf seine theatrale Praxis reichen von den Ansätzen Molières und Oscar Wildes über die Filme Woody Allens bis hin zu den beißenden Satiren des antiken Schriftstellers Lucian Samosata, der hier Pate für die Namensgebung des zweiten Kassettenrekorders steht.

Michaela Meise bezieht sich in mehreren ihrer Arbeiten auf den französischen Bildhauer Jean-Baptiste Carpeaux (1827 - 1875). Carpeaux unternahm in jungen Jahren als Stipendiat des großen Preises von Rom eine Reise nach Neapel, auf der ihm in absurd anmutender Dichte Merkwürdiges und Bedrohliches zustiess. In Meises Videocollage Lettre to the Eltern (2010) lesen Dirk von Lotzow, Nadira Husain und Josephyne Pryde einen Brief des jungen Mannes an seine Eltern auf Deutsch, Französisch und Englisch vor. Diesen persönlichen und dramatischen Bericht seiner Erlebnisse unterlegt Meise mit Abbildungen verschiedener Versionen seiner Skulptur Pêcheur napolitain à la coquille, deren Reproduktion und Vertrieb der Künstler seinerzeit stark vorantrieb, sowie mit Illustrationen aus einem neapolitanischen Andenkenbüchlein, das zu der Zeit gedruckt wurde, als Carpeaux seine Reise unternahm. Die Skulptur zeigt einen lachenden Jüngling, der sich eine Muschel ans Ohr hält. Dabei wirkt seine in Stein gehauene Mimik, als würde ihm der hohle Gegenstand aus dem Meer die Geschichte seines Schöpfers erzählen, über die er ebenso herzlich lachen muss, wie Meise und von Lotzow dies zu Beginn des Videos tun.

Ein weiteres Objekt, aus dessen Innerem Geschichten tönen, ist die Arbeit Wort Gestalt (2013) von Gabriel Rossell-Santillán. Der aus Mexico stammende Künstler arbeitet seit mehreren Jahren zu der Geschichte und der aktuellen Situation der in Mexico lebenden Huichol Indigena Gemeinde. Während seiner Zusammenarbeit mit und seiner Aufenthalte bei den Huichol ist eine Reihe von Audio-Aufnahmen entstanden, die nun aus dem Hohlraum dieses fremdartigen, eiförmigen Objektes zu hören sind, das Rossell-Santillán aus Zucker und Mais geformt hat. Aufnahmen von Ritualgesängen mischen sich mit mythischen Erzählungen der Huichol, einem Text zu dem deutschen Ethnologen Konrad Theodor Preuss und seiner Sammlung von Ritual-Objekten, die im Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem lagern, und persönlichen Berichten Rossell-Santilláns von der Zusammenarbeit mit dem Schamanen Dyonisio.

Hinter einer Wand aus Einmannplatten (Rigips), die Raphael Linsi in den Ausstellungsraum gebaut hat und die den Titel Einmannwand (2013) trägt, findet sich die Projektion seines Videos Influenza (2013). Mit einem Camcorder blickt Raphael Linsi auf seine Arrangements von Glasflaschen, Plastiktrichtern, Holzstücken, Turnschuhen und Rauchbomben. Malerisch verteilen sich die Objekte seines Rituals, das er gleichzeitig durchführt und beobachtet, im Schnee, integrieren sich in die bergige Landschaft einer unbestimmten Umgebung. Seine flüchtigen Gesten sprechen eine eigene Sprache, deren Satzbau und Grammatik visueller Natur sind und dem Leser unwillkürlich verständlich scheinen, ohne dass ihnen ein Text abzuringen wäre.

Michaela Meises Keramik Fluch (2012) weist Spuren eingeritzter Worte auf, Anfänge von Flüchen, unterdrückt und versenkt in der tönernen Masse der glasierten Keramik.

So versammelt die Ausstellung »Ils usaient de la parole un peu comme le chef de train de ses drapeaux, ou de sa lanterne.« Arbeiten, die sich immer wieder und aus verschiedenen Perspektiven mit den Objekten und ihrem Bezug zu Sprache und Erzählung befassen. »Sie brauchten die Gegenstände fast so wie der Zugführer seinen Signalstab oder seine Laterne.« Es sind weder die Geräte noch die Dinge selbst, die sprechen. Vielmehr werden sie arrangiert, belegt mit Flüchen, Bedeutungen, Interpretationen, Geschichten, halten her als Mittel und Mittler der Reflexion und Parodie, und dulden, dass wir sie als Orientierungshilfe im Wald des Visuellen und des Narrativen nutzen.

Raphael Linsi, *1982 in Zürich, Schweiz, lebt und arbeitet in Basel. Influenza,Video, 2013; Einmannwand,Rigipsplatten, Aluprofile, 2013

Michaela Meise, *1976 in Hanau, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin. Lettre to the Eltern, Video, 2010; Fluch, glasierte Keramik, 2012

Gabriel Rossell-Santillán, *1977 in Mexico City, Mexico lebt und arbeitet in Berlin. Wort Gestalt, Hörstück, Stereo-Anlage, Zucker, Mais, 2013

Alexandre Singh, *1980 in Bordeaux, Frankreich, lebt und arbeitet in Paris und New York. The School for Objects Criticized, Hörstück, Kassettenrekorder, Sockel, Sitzsäcke, Licht, 2010 (2013)

(S. Beckett, Ils usaient de la parole un peu comme le chef de train de ses drapeaux, ou de sa lanterne.; Malone meurt, 1951; deutsch: Sie brauchten die Gegenstände fast so wie der Zugführer seinen Signalstab oder seine Laterne.; Malone stirbt)

Dank an: die Künstler_innen, Galerie Johann König, Sprüth Magers Berlin.


Installationsansicht / Installation viewInstallationsansicht / Installation viewAlexandre Singh, The School for Objects Criticized, 2010 (Auszug / excerpt 2013)Alexandre Singh, The School for Objects Criticized, 2010 (Auszug / excerpt 2013)Alexandre Singh, The School for Objects Criticized, 2010 (Auszug / excerpt 2013)Gabriel Rossell-Santillán, Wort Gestalt, 2013Gabriel Rossell-Santillán, Wort Gestalt, 2013Michaela Meise, Fluch, 2012Installationsansicht / Installation viewRaphael Linsi, Einmannwand, 2013Raphael Linsi, Influenza, 2013Raphael Linsi, Influenza, 2013Raphael Linsi, Influenza, 2013Michaela Meise, Lettre to the Eltern, 2010Michaela Meise, Lettre to the Eltern, 2010 (Still)
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Alexandre Singh, The School for Objects Criticized, 2010 (Auszug / excerpt 2013)

Alexandre Singh, The School for Objects Criticized, 2010 (Auszug / excerpt 2013)

Alexandre Singh, The School for Objects Criticized, 2010 (Auszug / excerpt 2013)

Alexandre Singh, The School for Objects Criticized, 2010 (Auszug / excerpt 2013)

Alexandre Singh, The School for Objects Criticized, 2010 (Auszug / excerpt 2013)

Alexandre Singh, The School for Objects Criticized, 2010 (Auszug / excerpt 2013)

Gabriel Rossell-Santillán, Wort Gestalt, 2013

Gabriel Rossell-Santillán, Wort Gestalt, 2013

Gabriel Rossell-Santillán, Wort Gestalt, 2013

Gabriel Rossell-Santillán, Wort Gestalt, 2013

 Michaela Meise, Fluch, 2012

Michaela Meise, Fluch, 2012

Installationsansicht / Installation view

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Raphael Linsi, Einmannwand, 2013

Raphael Linsi, Einmannwand, 2013

Raphael Linsi, Influenza, 2013

Raphael Linsi, Influenza, 2013

Raphael Linsi, Influenza, 2013

Raphael Linsi, Influenza, 2013

Raphael Linsi, Influenza, 2013

Raphael Linsi, Influenza, 2013

Michaela Meise, Lettre to the Eltern, 2010

Michaela Meise, Lettre to the Eltern, 2010

Michaela Meise, Lettre to the Eltern, 2010 (Still)

Michaela Meise, Lettre to the Eltern, 2010 (Still)