19. Januar - 16. Februar 2013




Wilhelm Klotzek

Eingeladen von
Ulrike Gerhardt

•Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter•



Die Einzelausstellung des Bildhauers und Autors Wilhelm Klotzek (*1980) »Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter« bei NOTE ON beruht auf seinem intermedialen Konzept des »visuellen Gedichts«. Den Begriff der »sozialen Plastik« aktualisierend, verarbeitet er die Hinterlassenschaften der DDR und der deutschen Teilung. Aufgewachsen in Ostberlin, studierte Klotzek freie Kunst unter anderem bei Inge Mahn, Lothar Baumgarten und Else Gabriel. Seine künstlerische Praxis ist geprägt von der Bildhauerei, Poesie, dem Büchermachen und der Architektur – mit besonderem Schwerpunkt auf lebendigen Formen der Erzählung. Klotzeks Gedichte, Kurzgeschichten, Lieder, Hörstücke, Künstlerbücher und Skulpturen verbinden subjektive mit kollektiver Geschichte, private mit politischen Ereignissen, indem zum Beispiel ungeliebten Architekturen eine Stimme verliehen wird - wie in dem Buch Konkrete Oberflächen (2011) geschehen, das er gemeinsam mit Vincent Grunwald im AKV Verlag herausgab.

Im Eingangsbereich befindet sich das Skulpturenkollektiv Ostpro (2010) in einem braun getäfelten Raum, das Klotzek ursprünglich für eine Ausstellung im Kunstraum »Splace« am Fuße des Berliner Fernsehturms umgesetzt hat. Ostpro ist eine Messe, die - 1991 gegründet - Produkte ostdeutscher Firmen präsentiert. Die drei rechteckigen Glasskulpturen bestehen aus einer Stahlfassung mit eingelassenem Butzenglas. Im Inneren der virtrinenartigen Objekte befinden sich »traditionelle« ostdeutsche Produkte wie Werder Ketchup, Bautz’ner Senf, Spreewaldgurken oder Rotkäppchen Sekt. Diese Nahrungs- und Genussmittel sind jedoch durch das gelb getönte Glas so gut wie nicht identifizierbar. Sie lagern im domestizierten Schaufenster, bis ihr Haltbarkeitsdatum und ihre kollektive Symbolfunktion überdauert sind.

Im großen Ausstellungsraum wird die bildhauerische Auseinandersetzung mit Geschichte und Wohnkultur der DDR fortgesetzt. Das Kanapee II (2012) und die Lampe mit Behinderung (2012) sind hybride Skulpturen zwischen wohnzimmerähnlichem Mobiliar, Display und Ausstellungsobjekt. Die Epidemie privat und öffentlich getragener Renovierungen und die damit einhergegangene Eliminierung historischer Spuren in der Nachwendezeit sind Phänomene, die Klotzek seit seiner Jugend beobachtet hat. Zwei Protagonisten der Gentrifizierung werden im Hörstück Die Wohnung (2012) karikiert, in dem sich ein Gespräch zwischen einem Makler und einem Interessenten grotesk zuspitzt. Ein zweites Hörstück namens Tom und Chérie (2012) inszeniert den Zwiespalt eines jungen Paares, das in einem Poster gefangen ist, »abhauen« möchte und sich doch nicht vom Fleck bewegen kann. Das herzförmige Bild gehört zur Ausstattung des einladenden Kanapees II (2012). Seine dumpfe Farbgebung und der mit gelbem Kunstleder überzogene Schaumstoff fließen mit losen Wortfragmenten wie »AS-KUSS-PHALT«, »UNTEN« oder »MITTE-BITTE« zusammen und laden zu Ehren von Tom und Chérie zur Rast ein. Gesten des Improvisierten und Dysfunktionalen sowie Ungelenkes und Spontanes kennzeichnen Klotzeks Kunstwerke aus lackierten Spanplatten, Stahl, Rohbeton, Kabelbindern sowie die geplotteten Worte, mit denen sie bekleidet sind.

Klotzek streut in seine Rezeption der Nachwendegeschichte viel »Kies« und Unwägbarkeiten. In der Wandarbeit Schwangere Auster (2012) ragt die Frage »COMMENT VAS-TU AUJOURD’HUI?« in den Hörer hinein und wird mit dem Berliner Spitznamen für die 1957 erbaute Kongresshalle im Berliner Tiergarten »SCHWANGERE AUSTER« beantwortet. Das heutige »Haus der Kulturen der Welt« wurde von den USA noch vor dem Mauerbau in Sichtweite der Ostberliner Nachbarn als architektonischer Gruß der »freien Welt« an Westberlin geschenkt. Daneben steht die Lampe mit Behinderung (2012) und wird ihrem Auftrag, durch die Betonplatten hindurch Licht zu spenden, nur teilweise gerecht. Ihr Inneres gleicht einer archäologischen Fundstelle. Die Bewegungen der ockerfarbenen Strichmännchenfigur Keine Zeit, Mann! (2012), die über Kopf an der Decke montiert ist, sind eingefroren, ihr beherzter Laufschritt und die spitze Nase täuschen dennoch nicht darüber hinweg, dass die Figur vor dem Durchgang eingerostet ist und die Anzeige ihrer digitalen Einweguhr das Einzige ist, was sich verändert.

Text: Ulrike Gerhardt


Wilhelm Klotzek, Lampe mit Behinderung, 2013Wilhelm Klotzek, Hörlehne 1, 2013. (Mit den Hörstücken: "Die Wohnung" und " Tom und Chérie" )Wilhelm Klotzek, Kanapee 2, Detail, 2013Wilhelm Klotzek, Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter, Installationsansicht, 2013Wilhelm Klotzek, Skulpturenkollektiv Ostpro, Detail, 2013Wilhelm Klotzek, Skulpturenkollektiv Ostpro, Installationsansicht, 2013Wilhelm Klotzek, Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter, Installationsansicht, 2013Wilhelm Klotzek/David Polzin, Von Nischts kommt Nischts ausm Nischts raus, 2013Wilhelm Klotzek, Lesung des Gedichtes „Die DDR ist eine zuckende Leiche", 2013Wilhelm Klotzek, Skulpturenkollektiv Ostpro, Detail, 2013Wilhelm Klotzek, Lesung zur EröffnungWilhelm Klotzek, Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter, Installationsansicht, 2013
Wilhelm Klotzek, Lampe mit Behinderung, 2013

Wilhelm Klotzek, Lampe mit Behinderung, 2013

Wilhelm Klotzek, Hörlehne 1, 2013. (Mit den Hörstücken:

Wilhelm Klotzek, Hörlehne 1, 2013. (Mit den Hörstücken: "Die Wohnung" und " Tom und Chérie" )

Wilhelm Klotzek, Kanapee 2, Detail, 2013

Wilhelm Klotzek, Kanapee 2, Detail, 2013

Wilhelm Klotzek, Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter, Installationsansicht, 2013

Wilhelm Klotzek, Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter, Installationsansicht, 2013

Wilhelm Klotzek, Skulpturenkollektiv Ostpro, Detail, 2013

Wilhelm Klotzek, Skulpturenkollektiv Ostpro, Detail, 2013

Wilhelm Klotzek, Skulpturenkollektiv Ostpro, Installationsansicht, 2013

Wilhelm Klotzek, Skulpturenkollektiv Ostpro, Installationsansicht, 2013

Wilhelm Klotzek, Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter, Installationsansicht, 2013

Wilhelm Klotzek, Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter, Installationsansicht, 2013

Wilhelm Klotzek/David Polzin, Von Nischts kommt Nischts ausm Nischts raus, 2013

Wilhelm Klotzek/David Polzin, Von Nischts kommt Nischts ausm Nischts raus, 2013

Wilhelm Klotzek, Lesung des Gedichtes „Die DDR ist eine zuckende Leiche

Wilhelm Klotzek, Lesung des Gedichtes „Die DDR ist eine zuckende Leiche", 2013

Wilhelm Klotzek, Skulpturenkollektiv Ostpro, Detail, 2013

Wilhelm Klotzek, Skulpturenkollektiv Ostpro, Detail, 2013

Wilhelm Klotzek, Lesung zur Eröffnung

Wilhelm Klotzek, Lesung zur Eröffnung

Wilhelm Klotzek, Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter, Installationsansicht, 2013

Wilhelm Klotzek, Und die Uhrzeit läuft einfach immer weiter, Installationsansicht, 2013