10. August – 25. August 2012




Frida Klingberg, Alida Müschen

Eingeladen von
Ulrike Gerhardt, Susanne Husse, Friederike Hamann

•Hated Animals•

Nachrichten zum Weltuntergang #5

»Der große Kormoran wird nicht gemocht, da er Fisch isst, und seine Exkremente die Vegetation in den Kolonien zerstören. Der Wolf war in Schweden fast ausgestorben, kam jedoch wieder und ist nun von nationalen und internationalen Gesetzen geschützt. Dennoch verursacht seine Gegenwart für einige Menschen, die in seinem Territorium leben, Probleme. Die Filzlaus ist für Menschen ungefährlich, aber etwas unbequem. Obgleich sie in Schweden vom Aussterben bedroht ist, scheint sich niemand für Parasiten zu interessieren.« Frida Klingberg, 2012

Die Ausstellung »Hated Animals. Nachrichten zum Weltuntergang #5« untersucht Performativität auf post-humanistische Weise. Die eingeladenen Künstlerinnen Frida Klingberg und Alida Müschen hinterfragen die Kategorien des Menschlichen und Nichtmenschlichen, des Kulturellen und Natürlichen, sowie die Unterscheidung von Materie und Diskurs, um »unbeachtete Gewohnheiten des Geistes« zu erforschen und »anderen Formen der Repräsentation Macht zu geben«, wie die Professorin für Philosophie und feministische Studien Karen Barad betont. Der Ausstellungstitel und die gleichnamige Serie »Hated Animals« von Frida Klingberg spielt auf aktuelle Diskurse über Menschen und Nichtmenschen, die pseudo-externe Position »menschlichen Sprechens« und den Akt, Nicht-Menschen als Tiere zu kategorisieren, an. Die folgenreichste und fatalste Praxis ist die Kategorisierung einiger Spezies als nützlich/nutzlos, gut/schlecht, geliebt/verhasst. Ähnliche Grenzziehungen werden von Menschen in Zeiten des Neoliberalismus vorgenommen – zum Beispiel durch die Adjektive erfolgreich/erfolglos, schön/hässlich, athletisch/faul. Beide Künstlerinnen Frida Klingberg und Alida Müschen appropriieren anerkannte und unbeachtete Methoden, um neues Wissen über die Welt zu generieren. Sie betrachten Natur nicht als einen Container, in dem »wir« leben, sondern als etwas, das sich kontinuierlich verändert. Während Frida Klingberg in ihrem Video Drying My Wings II (2009) die Körperbewegungen von Kormoranen nachahmt, und in One night in the wolf territory of Gräsmark (2011) eine Nacht im Wald verbringt, um auf „den Wolf“ zu warten, erklimmt Alida Müschen in ihrer Performance Hardliner (2012) einen künstlichen Felsen außerhalb des Ausstellungsraumes, um die neugierige Anspannung ihres Körpers und Geistes zu demonstrieren. In der Vorahnung des kommenden Weltuntergangs, schlägt »Hated Animals. Nachrichten zum Weltuntergang #5« Performativität als produktive Technik zur Verhandlung anthropozentrischer Diskurse vor.

Für ihre dreiteilige Serie »Hated Animals« (2009-2012) hat Frida Klingberg aus Stockholm drei Tiere ausgesucht, die einen schwierigen Stand in der Gesellschaft haben: den Kormoran, den Wolf und die Filzlaus. Im Archivraum von NOTE ON zeigt die Künstlerin die Serie Loppan triptych (2009). Die drei Fotografien nahm sie auf der Insel Loppan auf, wo ein unbekannter Mann eine Kormorankolonie zerstört hat. Der Kormoran ist ein Meeresvogel, der in Kolonien brütet und dessen Fäkalien die Vegetation absterben lassen. Klingbergs Videoarbeit Drying My Wings I (2009) über den Kormoran entstand aus Interviews, die sie in der schwedischen Stadt Härnösand geführt hat. Nachdem sie drei Stimmen gesammelt hatte, von der Sprecherin der schwedischen Umweltschutzorganisation bis hin zu einem einzelnen Fischer, besuchte sie die Insel noch einmal, um ihre Performance Drying My Wings II (2009) durchzuführen, in der sie zu unterschiedlichen Orten auf der Insel läuft und ihre Arme ausbreitet. Ihr performativer Vortrag Save the Crab Louse (2012) ist die neueste Arbeit ihrer Serie und setzt sich für die vom Aussterben bedrohte Filzlaus ein. Frida Klingberg erklärt: »Es ist eine kleine Laus, die im menschlichen Schamhaar, Achselhaar, im Bart und nur am Menschen lebt«. Die Künstlerin ermutigt ihre Zuhörer_innen, diese Spezies zu retten und übernimmt die Rhetorik von WWF und anderen NGOs.

Im Innern des Hauptausstellungsraums zeigt Frida Klingberg eine Serie von Fotografien. One night in the wolf territory of Gräsmark (2011) wurde mit einer Geländekamera aufgenommen, während sie in einem Wolfterritorium schläft. Diese Performance wird im Zeitraffer präsentiert, um die Zeitwahrnehmung während ihres Schlafes in der »Wildnis« zu reflektieren. Für ihre Arbeit mit dem Titel Stories from the Countryside (2011) interviewte sie Menschen zu ihren Erfahrungen mit Wölfen. Frida Klingberg betrachtet den existierenden Diskurs über Natur und humanistisch-patriarchale Werte als die Basis einer zutiefst schizophrenen Gesellschaft, die »ökologische« Produkte von »glücklichen« – und deshalb »liebenswerten« – Tieren konsumiert, aber nicht daran interessiert ist, das System, in dem sie wie die Filzlaus in »unserem« Schamhaar verfangen ist, zu verändern. Ihre Performances, Soundarbeiten, Videos und Fotografien mischen performative menschliche und nicht-menschliche Handlungen mit dem Ziel, die Außenseiterposition der Besucher_innen zu destabilisieren.

Die in Berlin lebende Künstlerin Alida Müschen schlägt eine kritische Haltung gegenüber Normativität vor. In ihren Performances aktiviert sie die »unberücksichtigten Gewohnheiten des Geistes« durch konventionelle Praxen innerhalb des sogenannten Menschlichen. Ihre Performance Hardliner (2012) dreht sich um den Körper als Ort des Ringens zwischen dem »Wilden« und »Gezähmten« und benutzt dazu das »felsige Training« ihres Körpers und Geistes. Im Ausstellungsraum zeigt Alida Müschen eine aktualisierte Textfassung des Skripts ihrer Vortragsperformance Der gezähmte Akt – Der Akt der Zähmung, die im Rahmen der Ausstellung »Der Akt – Seismograph der Gesellschaft« in der Galerie Ulrike Horst in Hamburg im Jahr 2009 erstmalig aufgeführt wurde. Für Hardliner traf sie die Entscheidung, auf den künstlichen Felsen eines Sportclubs im Hinterhof von NOTE ON zu klettern. Über die Inszenierung einer physischen Handlung reflektiert sie Denken als wichtigste Aktivität ihrer künstlerischen Arbeit. Während der Kunstproduktion will jeder Schritt vorsichtig überlegt sein – genau wie beim Klettern. In Hardliner konstruiert Müschen das tragische Bild einer jungen Künstlerin, die eine hochsymbolische Freizeitaktivität vorführt. Die Performance verbindet die Praxis des Denkens mit hartem Training, unsichtbaren Gipfeln und der kontinuierlichen Bewegung im »Welt-Körper-Raum« (Karen Barad). Seit Jahren praktiziert Müschen Sport und Tanz als Disziplinen der intentionalen Erschöpfung von Körper und Geist. Sie widmet sich verschiedensten Sportarten wie Joggen, Schwimmen und Klettern auf intensive Weise, um ihr unbefragtes, unklassifiziertes und daher post-humanes Potential zu erkunden. Alida Müschen interessiert sich für Luxus und Langeweile als Symptome der Konsumgesellschaft und der Kunstwelt, in denen das Verlangen nach »Wildheit« durch Modestile sublimiert wird.

Bild: Frida Klingberg, One night alone in the wolf territory of Gräsmark, 2012.


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