January 28 – February 25, 2012




Florian Goeschke, Eske Schlüters, Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e. V.

Eingeladen von
Ulrike Gerhardt, Susanne Husse, Jana Sotzko

•What Would You Say It Is?•

Nachrichten zum Weltuntergang #1

Die Ausstellung »What Would You Say It Is? Nachrichten zum Weltuntergang #1« stimmt auf den heranklappernden Untergang ein und ist dem Thema Liebe geschuldet. Als kulturelle Praxis und höchstsubjektive Erfahrung zugleich bringen wir die Liebe als »Untergangsanwandlung, die das liebende Subjekt aus Verzweiflung und Glückserfüllung überkommt« (Roland Barthes) für die Beschreibung des apokalyptischen Bewusstseins ins Spiel. Der Mikrokosmos der Liebe ist einer jener Schauplätze der Moderne, an denen das Ringen um Authentizität, Autonomie, Gleichheit, Freiheit, Bindung und Verpflichtung sich besonders deutlich offenbart (Eva Illouz). Diese kulturellen Schlüsselmotive werden im Rahmen der Ausstellung »What Would You Say It Is?« mit tradierten Chiffrierungen der Liebe – als irrationale, subversive Kraft, als Quelle existentieller Transzendenz, als unbeschreibliche, schmerzhafte Unruhe oder das reine Neue inmitten jahrhundertealter Muster – kurzgeschlossen und für das Nachdenken über Untergang und Neuanfang produktiv gemacht.

Im Spannungsfeld zwischen der Lust am Zugrundegehen und der Liebe als sozialem System zeigt »What Would You Say It Is?« Bücher und Dokumente aus dem Archiv des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld sowie eine Klanginstallation am Senefelder Platz von Florian Goeschke und Knowing as much as the Man in the Moon – Soviel verstehen wie ein Blinder von Farben, eine Arbeit der Videokünstlerin Eske Schlüters. Über den gesamten Zeitraum der Ausstellungsreihe entwickelt die Künstlerin Friederike Hamann Archiv Szenen (2012), eine begehbare Recherche-Station, in der die Gäste verwandte Lektüre studieren, hinzufügen und vervielfältigen können.

Eske Schlüters

Knowing as much as the Man in the Moon – Soviel verstehen wie ein Blinder von Farben (2004) legt Eske Schlüters Fährten für das hörende Auge, das sehende Ohr und das »blinde Sehen«. Bereits Jacques Lacan warnte vor der Lächerlichkeit der Liebe, sie konstruiere eine Illusion aus einem Begehren, das selbst schon zum Scheitern verurteilt sei. Seine vernichtende Einsicht lautet: Alle symbolischen Beziehungen sind illusorisch. Bilder jedoch lassen sich vom Imaginären nicht ablösen – zwischen materiellen und vorgestellten Bildern kann keine Grenze gezogen werden. Diese »Einbildung« in den Bildern, die durch das Sehen der raschelnden Bilder in den Gedanken der Betrachter_innen entsteht, wird in ihrer Videoinstallation herausgefordert sowie durch Ton, Licht, Dunkelheit und Stille orchestriert.

Eske Schlüters’ Zweikanalprojektion ist in zwei »Erzählungen« gesplittet: Die eine besteht aus einer Komposition vielfältiger Bewegtbilder aus Spiel- und Autorenfilmen, die andere zeigt einen jungenhaften und einen robusteren Mann, die in acht kurzen Episoden in einer unbestimmbaren Umgebung zwischen Espressobar und Nachtlokal eine »Unterhaltung« zum Thema Liebe führen, die auf und gegen die Kamera gerichtet ist. In jeder Episode wechseln sie die Rollen in gleichbleibender Kleidung – immer wieder flüstert der Eine dem Anderen etwas ins Ohr, was dieser wiederum speichert, um es kurz darauf laut auszusprechen. Die Sätze werden unverbunden-verbunden nacheinander ausgesprochen, sie weisen eine dialogische Logik auf, die außerhalb der Konventionen von Rede und Antwort steht.

Ein zentrales Motiv beider Projektionen ist der immer wieder geäußerte Wunsch danach belogen zu werden: »Tell me a lie. Do pretend that we’re in love. Just for a minute. That you’ve been waiting for me for years. Without me you would die. You’d never stopped loving me.« In diesem absurd anmutenden, doch selbstgewählten Wunsch wird die Sehnsucht der Liebenden / des Liebenden nach Metaphern und Symbolen, reflektiert. Die konstante Wiederkehr dieser gesprochenen Worte macht sie zu Beschwörungsformeln zwischen den Geräuschen, Stimmen, Tonspuren, Filmsequenzen, Untertiteln und Schwarzbildern, spiegelt den Gefühlsrausch eines »liebeskranken« Menschen, der sich nach solchen Sätzen unbeschreiblich sehnt und diese ihm darum leibhaftig in den Ohren und auf den Augen sitzen. Die in der Liebe schmerzhaften Phasen des Zweifels und der Unsicherheit werden abgelöst von dem selbstgewählten Wunsch nach dieser einen Minute der Verschmelzung und Wiederkehr der Illusion: »There is only trouble and desire.« »Trouble and desire?«. Ob erwiderte oder unerwiderte Liebe, tätlich im Wasser oder auf dem Mond – Eske Schlüters führt die kulturellen Gesten der Liebe so auf, dass sie fremd und vertraut zugleich werden.

Florian Goeschke

1. »Winterreise Apparat (Cold Wind Has Bitten My Flowers)« (Peltier Element, Audio, 2010)

Ein von einem Glassturz abgedeckter Lautsprecher, der eine Aufname von Schuberts Liederzyklus Die Winterreise (1827) wiedergibt, wird über die Dauer von mehreren Wochen durch ein Peltier-Element mit Eis bedeckt. Die langsam wachsenden Eiskristalle beeinträchtigen die Membran zunehmend in ihrer Aktivität und bedecken sie schließlich vollständig. Der Klang wird nach und nach gedämpft.

In Schuberts Winterreise bewegt sich ein Wanderer durch die eisige Landschaft. Ein kurzer Traum von Frühling und wärmender Liebe bleibt unverwirklicht. Die Eisblumen an seinem Fenster betrachtend, fragt sich der Wanderer, ob die grimme Welt draußen jemals wieder Grün sehen wird.

Das Ende der Reise, von Schubert wie in Vorahnung seines eigenen Todes komponiert, spiegelt das Unbewegliche, Vereiste der Natur in einem weiter gefassten Sinne wider: der ultimative Wärmetod eines sich ständig ausbreitenden Raumes, dessen Energieverlust in leerem, gefrorenem Stillstand mündet.

2. »Ping Pong« (Ortsspezifische Installation im öffentlichen Raum, 2012)

Zwei Lautsprecher sind einem Durchgang zwischen zwei Häusern an einer Wand angebracht. In diesem architektonischen Kanal (der zu einem Sportzentrum für Jugendliche führt) wird ein Spiel gespielt. Der hermetische Winterreise-Apparat wird externalisiert, die Einsamkeit gebrochen. Impulse werden als Volleys hin- und hergeschlagen. Sie bleiben zwischen den parallelen Wänden gefangen, bis sich ihre Energie himmelwärts auflöst.

Dem Extrem der Vereisung eines degenerativen Universums wird hier die explosive Hitze von (Wieder-)herstellung gegenübergestellt. Das Spiel im Hausdurchgang ist die Kehrseite des Peltier-Elements im Inneren. Es ist so vielleicht das jugendlich-verspielte der Ping-Pong-Installation, die den Ernst der Winterreise-Apparatur bedingt. Text: Elen Flügge (*1986)

Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft widmet sich der Forschungs- und Erinnerungsarbeit zur Geschichte der Sexualwissenschaft, der Sexualreformbewegung sowie der sexuellen Minderheiten. 1982 in Berlin entstanden, setzt sie sich für die Wiedereinrichtung des von Magnus Hirschfeld 1919 gegründeten Instituts für Sexualwissenschaft ein.

Im Rahmen der Ausstellung »What Would You Say It Is? Nachrichten zum Weltuntergang #1« entwickelte die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft gemeinsam mit den Kuratorinnen die Präsentation historischer Schriften zum Thema »Liebe«. Die Auswahl vereint zur Schaffenszeit Hirschfelds (1868-1935) sowie kurz nach seinem Tod erschienene Werke aus Wissenschaft, Aufklärung und Populärkultur. Einige dieser Bücher sind von Hirschfeld selbst verfasst und beinhalten seine wichtigsten sexualwissenschaftlichen Positionen, wie die »Theorie der sexuellen Anziehung«. Mit seiner wissenschaftlichen Arbeit versuchte er, den Kampf für sexuelle Selbstbestimmung, Entpathologisierung und Entkriminalisierung sexueller Minderheiten, auf eine naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen. Zusammen mit den anderen bis 1932 veröffentlichten Werken geben sie Einblicke in den Stand der sexualwissenschaftlichen Diskurse jener Zeit. 1933 wurden Hirschfelds Schriften durch die Nationalsozialisten verboten, seine Publikationen anlässlich der Bücherverbrennung am 10. Mai öffentlich verbrannt und das von ihm gegründete Institut für Sexualwissenschaft vandalisiert und geschlossen. Die hier gezeigten Bücher späterer Erscheinungsjahre dokumentieren die Ideologisierungen der Wissenschaften und die Instrumentalisierung der sexuellen Aufklärung für rassistische Ziele in der Zeit des Nationalsozialismus.

Der Ausstellungsbeitrag der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft zeigt diese Bücher in ihrer Funktion als Artefakte und Zeugen, bewusst ohne ihren gegensätzlichen ideologischen Zielen visuell Ausdruck zu verleihen. Durch die chronologische Reihung von Auszügen aus zentralen Kapiteln der jeweiligen Werke ist es den Besucherinnen und Besuchern überlassen, die Inhalte zu vergleichen. Mit der Präsentation der Bücher unternehmen wir den Versuch, die Gebundenheit von Wissen und (wissenschaftlicher) Wahrheit an Autoritätsstrukturen ins Bewusstsein zu rücken. Gleichzeitig verbindet die Auswahl das Thema Liebe mit der Frage nach ihrer sozialen, kulturellen, historischen und politischen Verfasstheit. Für die Reflektion über die Bedeutung (sexueller) Selbstbestimmung heute und für eine Diskussion darüber, wie wir leben wollen, soll der Beitrag aus dem Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft interessante Impulse liefern.

Bücher in der Ausstellung:

Wilhelm Bölsche, Liebesleben in der Natur. Jena 1906

Hanns Martin Elstner, Liebe und Ehe. Dresden 1939

Hans v. Hattingberg, Über die Liebe. München/Berlin 1940

Hanns Heinz Ewers, Arabische Liebeskunst, 1929

Hugo Hertwig, Das Liebesleben des Menschen. Berlin 1940

Magnus Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. Leipzig 1914

Magnus Hirschfeld, Richard Linsert, Liebesmittel. Berlin 1930

Max Hodann, Geschlecht und Liebe. Berlin 1932

S. Jessner, Körperliche und seelische Liebe. Leipzig 1924

Ludwig Levy-Lenz, Hexenkessel der Liebe. Leipzig 1931

Richard Linsert, Kabale und Liebe. Über Politik und Geschlechtsleben. Berlin 1931

Paolo Mantegazza, Hygiene der Liebe. Berlin 1924 (Igiene dell’amore. Mailand 1877)

Paolo Mantegazza, Physiologie der Liebe. Berlin o.J.

(Fisiologia dell’amore. Mailand 1873)

Hannelore Palkow, Liebeslexikon von A-Z. Leipzig 1933

Bild: Magnus Hirschfeld, Geschlechtskunde, Bilderteil. Stuttgart 1930


What Would You Say It Is?What Would You Say It Is?What Would You Say It Is?What Would You Say It Is?What Would You Say It Is?What Would You Say It Is?What Would You Say It Is?ESKE SCHLÜTERSFlorian GoeschkeFlorian GoeschkeFriederike HamannFriederike HamannMagnus-Hirschfeld-GesellschaftMagnus-Hirschfeld-GesellschaftNOTE ON What Would You Say It Is?
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ESKE SCHLÜTERS

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 Friederike Hamann

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Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

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